Transition Town

Grow Heathrow

Resistance is Beautiful - Transition Town in London

Zu Besuch in der Transition-Town Gemeinschaft „Grow Heathrow“ bei London.

Zusammen mit einem Freund trampe ich durch England. Ein allzu gutmütiger Pfarrer (trotzdem ein sehr sympathischer Mensch!) nimmt uns von Dover mit nach London. Er lädt uns noch zum Tee ein, tatsächlich kriegen wir Salat, Suppe, Brot und Bier aufgetischt (Tee gab es zum Abschluss auch noch). Er begleitet uns zum Bahnhof und es geht mit der London-Underground in die Stadtmitte. Die Nacht verbringen wir hier im großen Occupy-Camp. Weit über 100 Zelte stehen hier um die Kathedrale herum. Es gibt eine große Zelt-Bibliothek, eine eigene Küche (selbstverständlich auch im Zelt) und viele nette Menschen. Von hier brechen wir am nächsten Morgen in Richtung Heathrow auf, am Rande von London. Dort wollen wir die Gemeinschaft „Grow Heathrow“ besuchen und an einem Kunst-Workshop teilgenommen. Wir sind sehr gespannt was uns hier erwartet, im Internet haben wir erfahren, dass die Leute hier in Greenhouses, also in Gewächshäusern leben. Verrückt oder?

Transition Towns - Was ist das?

Warum wir diese Gemeinschaft besuchen wollen? Während unserer Reiseplanung hatten wir uns darauf geeinigt verschiedene „Transition Towns“ zu besuchen. Diese neuartige Graswurzelbewegung kommt aus England, und so gibt es dort bereits viele Transition-Town-Initiativen. Die Idee dahinter ist unter anderem den eigenen Ort umweltfreundlicher und nachhaltiger zu gestalten, die Lokalwirtschaft zu stärken und mit öffentlichen Aktionen ein neues ökologisches und soziales Bewusstsein zu schaffen. Der Gedanke sich vor diesem Hintergrund mit anderen engagierten Menschen im Ort zu vernetzen hat uns sehr zugesagt. Im Internet haben wir dann nach Initiativen gesucht und so auch die Gemeinschaft „Grow Heathrow“ ausfindig gemacht.

Grow Heathrow

Das kleine Dörfchen Sipson liegt nicht weit entfernt vom gigantischen Airport London-Heathrow. Der erste Bewohner, den wir nach der Öko-Gemeinschaft fragen, weiß trotz Kommunikationsschwierigkeiten gleich was wir meinen, im Ort scheint man bekannt zu sein.

An einem großen Tor hängt ein Kapitalismus-kritisches Plakat: Hier sind wir richtig! Überhaupt scheint hier alles sehr alternativ und vor allem überaus kreativ gestaltet. Wir läuten an der großen, selbst gebauten Glocke, die neben dem Tor hängt und werden herzlich begrüßt. Wir hatten uns zwar bereits übers Internet angekündigt, aber auch ohne Anmeldung hätte man uns hier ganz gewiss mit „British Tea“ herzlich empfangen. Wir sind nicht die einzigen Gäste, denn am morgigen Sonntag startet ein Workshop. Etwa 15 Teilnehmer sind aus allen Ecken Englands angereist. Und über 10 Menschen leben hier, von denen aber nicht alle anwesend sind. Trotzdem müssen wir nicht im Zelt schlafen, in einem ausgebauten Container mit Ofen und Betten ist auch für uns noch Platz frei.

Das Ende der Zivilisation? Zerfallene und durchwucherte Gewächshäuser auf dem umliegenden Gelände

Am nächsten Morgen gibt es zusammen mit allen Kursteilnehmern eine Führung über das Gelände. Zwischen dem gigantischem Flughafen und der Autobahn ist dieser Ort nun nicht gerade paradiesisch gelegen, aber dennoch gibt es hier wirklich viel zu entdecken. Früher gehörte das Gelände zu einer Gärtnerei, überwucherte Gewächshäuser zeugen noch von dieser Epoche. Doch die Natur hat sich das Land zurückerobert – zerfallene und durchwachsene Gewächshäuser erwecken Eindrücke vom Ende der Zivilisation. Brombeergestrüpp, Holunder und Eschen, ein unheimlicher Wasserturm und vor allem sehr viel Müll prägen diesen Ort. Nicht wirklich schön, aber irgendwie passt es doch zusammen. Dieser Ort erzählt eben eine Geschichte – nicht nur über das Leben hier auch über unsere moderne Gesellschaft. Und da kommt es doch sehr treffend, dass sich hier heute eine Gruppe von Menschen niedergelassen hat, um ein nachhaltiges und postfossiles Zeitalter einzuleiten.

Anfang 2010, also vor rund zwei Jahren, haben einige Aktivisten das Gelände besetzt. Seitdem hat sich hier viel getan: Unzählige Tonnen Müll haben sie weggeschafft, drei Gewächshäuser instand gesetzt, Gemüsehochbeete, Kompostklo und Hühnerstall angelegt. Auch wenn ihr Aufenthalt hier dank ihres Engagements teilweise offiziell toleriert wird, geraten sie zuweilen in Konflikt mit dem Gesetz. Zum einjährigen Geburtstag eine besonderes „Geschenk“: 40 Polizisten durchsuchen das Gelände. Sie finden allerdings nichts außer Gemüse, Hühner, Bienen und kreative Menschen, die mit Begeisterung für eine zukunftsfähige Gemeinschaft eintreten. Ein Zeitungsartikel im Wohnraum erinnert an dieses Ereignis: »Besetzer nur mit Gemüse bewaffnet« titelte damals das Lokalblatt.

Das Gelände - viel zu entdecken!

Wenn man das Gelände betritt, steht man vor drei renovierten Gewächshäusern – sozusagen der Hauptsitz der Community. In der Eingangshalle laden Sofas und einige Hängematten zum Verweilen ein.

Durch eine Tür gelangt man ins „Wohnzimmer“. In der Mitte steht „the Pig, so wird der aus einer alten Gasflasche zusammengeschweißte Ofen von den Bewohnern liebevoll genannt. Jetzt im Winter ist es hier in den Gewächshäusern kalt, und auch im „Wohnzimmer“ tragen alle Winterjacke und Mütze. Der Ofen ist nicht nur Wärmequelle und Kochstelle, sondern auch ein sozialer Knotenpunkt. Mehrere Sofas und Stühle stehen umher, und auch für Strom ist gesorgt. Denn neben Windturbine und Solar kann man hier auch aus eigener Kraft Strom erzeugen. Man setzt sich gemütlich in den Sessel und kann an einem umgebauten Fahrrad dann seinen Handy-Akku voll trampeln, oder aber die Energie für Licht und Musik erzeugen. Hinter einem Vorhang befindet sich die Küche. Wie auch sonst überall wirkt es hier etwas chaotisch, das stört hier jedoch niemanden; im Gegenteil, eine schlichte moderne Einbauküche würde die Atmosphäre dieses Ortes zerstören. In den Gewächshäusern nebenan befinden sich der „Art Space“, eine kreativ-unstrukturierte Kunstwerkstatt, und eine Fahrrad-Werkstatt.

Kompostklo - das ökologische Geschäft

Der Toilettenbesuch kann bei den eisigen Wintertemperaturen eine ganz schöne Überwindung bedeuten. Dafür muss man nämlich raus aufs Kompostklo. Aber so eine ökologische Toilette hat auch ihren Reiz. Ein kleiner Holzsteg mit schön geschnitztem Geländer führt den Klogänger matschfrei zu den beiden hölzernen Klohäuschen. Sie stehen ein bisschen abseits, umgeben von Baum und Gebüsch. Während man nun sein Tagesgeschäft verrichtet kann man zur rechten den Vögelchen im Nachbarbusch zuschauen. Mutiple Functions - das Klohaus als Wildlife-Beobachtungshäuschen. Ganz nach den Prinzipien der Permakultur, wie wir sie im Workshop hier kennen gelernt haben. Zeitschriften und Bücher kann man da getrost in der warmen Stube (oder im Gewächshaus) liegen lassen. Und nebenan ist auch direkt die Dusche. Eine kleine Holzkabine, an der Decke hängt eine alte Gießkanne. Vor der Tür ein Fass als Feuerschale zum Wasser erhitzen.

Weiter hinten auf dem Gelände stehen die Wohnhäuser, sehr sehenswert. Jeder hat sich hier sein eigenes Heim aufgebaut und das sieht man den Hütten auch an. Wie auch jeder Mensch hat hier jedes Haus hat seinen ganz eigenen Charakter.

grow heathrow haus house

Die Bewohner bemühen sich ihre Ideale auch nach außen zu tragen, mit Schulbesuchen oder Führungen über das Gelände. Mit Schulkindern werden Hängekörbe mit Blumen und Gemüse bepflanzt, einmal in der Woche kann jeder zum Bike-Workshop kommen und sich hier guten Rat holen um das eigene Fahrrad wieder fit zu machen. Auch gemeinsames Gärtnern findet regelmäßig statt. Auf dem eigenen Gelände oder in Guerilla-Gärten in ungenutzten öffentlichen Flächen, direkt in der Dorfmitte. Jeder kann vorbei kommen, Kräuter ernten oder sich mit anderen Menschen aus dem Ort zum gemeinsamen Gemüse-Anbau verabreden.

Resistance is Beautiful!

Regelmäßig finden kulturkreative Workshops statt – so auch als wir hier waren. Eigentlich wollten wir nur ein paar Tage verweilen, haben uns dann aber schnell anders entschieden. Der abwechslungsreiche Workshop dauerte eine Woche. Das Thema: Resistance (Widerstandsfähigkeit). Am ersten Tag sind wir über das Gelände gezogen, und haben nach allem gesucht, was „Resistance“ verkörpert - und waren uns einig, dass dieser Ort als solcher ein Symbol lebendigen Widerstands ist.

Grow Heathrow Music BandMit dieser Frage haben wir uns intensiv auseinandergesetzt, haben zusammen gespielt, diskutiert, „Locals“ befragt oder uns künstlerisch beschäftigt. Kunst – sicher ein wichtiges Stichwort, denn immer wieder wurde auch die Schönheit dieser Widerstandsfähigkeit in den Mittelpunkt gerückt. Resistance is beautiful.

Mit dieser Frage haben wir uns intensiv auseinandergesetzt, haben zusammen gespielt, diskutiert, „Locals“ befragt oder uns künstlerisch beschäftigt. Kunst – sicher ein wichtiges Stichwort, denn immer wieder wurde auch die Schönheit dieser Widerstandsfähigkeit in den Mittelpunkt gerückt. Resistance is beautiful.

Unter anderem haben wir auch eine Band gegründet – wohlgemerkt keine gewöhnliche Band. Die Idee kam uns beim herumstöbern auf dem Gelände - viele interessante Dinge, mit denen wir noch interessantere Geräusche zu erzeugen wussten. Schnell war ein Schlagzeug-Set aus Benzin-Kanistern, Gasflaschen und Plastikfässern zusammengestellt. Als Unterstützung zwei Plastikrohre, die beim Anschlagen je nach Länge unterschiedliche Tonhöhen erzeugten. Eine Regentonne als Basstrommel und ein Plastikkanister mit gespannter Schnur als Bass. Die Bühne war (natürlich) ein Gewächshaus, das als Lagerstelle für verschiedenste, vom Gelände zusammengetragene Gegenstände Verwendung findet. Mit Autoreifen, Gartenschlauch und alten Fahrrädern haben wir unsere Bühne dekoriert - und in dieser kunterbunten, chaotischen Atmosphäre haben wir dann jeden Tag mit vollem Einsatz geprobt.

Abgeschlossen wurde die Woche mit einem öffentlichen Fest. Es gab Pizza aus dem Lehmofen, nicht nur sehr stilvoll in der Zubereitung sondern auch unbeschreiblich lecker. Führungen übers Gelände, und als ein Highlight natürlich den Auftritt der „DumpStarz“. Zum Abschluss sind wir dann alle zusammen mit Schubkarren und Pflanzen, Werkzeug und Musikinstrumenten ins Dorf gezogen. Direkt gegenüber vom Postoffice liegt eine öffentliche Grünfläche brach. Die hat die Transition Initiative natürlich längst vereinnahmt, viele verschiedene Kräuter wachsen hier inzwischen und warten darauf geerntet zu werden. Musikalisch begleitet pflanzen wir weitere Kräuter dazu - eine großartige Aktion die allen Beteiligten sehr viel Freude bereitet hat.

Unser Fazit: Wir haben viele nette Menschen kennen gelernt, viel Englisch gesprochen und gelernt und vor allem sehr viel Spaß gehabt!

Dir gefällt das lockere und erfüllte Leben der Transition-Town Bewohner? Auch in Deutschland gibt es bereits viele Transition-Towns, vielleicht ja auch in deiner Nähe! Eine super Möglichkeit um neue Leute aus deiner Stadt kennen zu lernen, im Alltag Raum für Spaß und Kreativität zu schaffen und sich sinnvoll zu engagieren!

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Jan Temmel

Jan Temmel

Mediengestalter, Fotoartist & Blogger

Aufgewachsen in einem System, in dem Wir Menschen mit schockierender Rücksichtslosigkeit die Ausbeutung von Mutter Erde forcieren.
Aufgewacht in einer Welt, die ist, zu was Wir sie machen. Deshalb suche ich neue Wege! Und deshalb schreibe ich diesen Blog!

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