Abenteuer

Eiskalte Überraschung

Wandern im Winter und Zelten im Schnee

Wintereinbruch, Schneesturm und klirrende Kälte

Winter im Brecon Beacons Nationalpark in Wales

Heute sind wir wieder den ganzen Tag durch den Brecon Beacons Nationalpark gewandert. Nachmittags setzte dann leichter Schneefall ein - unser erster Schnee in Wales. Es war eine wahrlich Zauberhafte Stimmung. Die federleichten Flöckchen rieselten uns ins Gesicht, und verliehen den eben noch dunklen Tannen am Wegesrand ein völlig neues Gesicht. Schon bald waren Wiesen, Wälder und Weg mit einer weißen Puderzuckerschicht bedeckt.

Wir hatten uns für den heutigen Tagesabschnitt hohe Ziele gesteckt, und so ging es immer weiter durch die stille der weißen Natur. Den Schildern des Brecon Beacons Fernwanderweg folgend ging es schließlich einen steilen Anstieg hinauf, mit rutschigen Natursteintreppen befestigt.

Das Schneetreiben wurde immer stärker, die Sicht immer schlechter und irgendwann setzte dann auch noch die Abenddämmerung ein. Es war unmöglich dem Weg weiter zu folgen und es hatte den Anschein als wäre unser Orientierungssinn bereits eingefroren.

Wir wollten zu dieser späten Stunde nicht wieder den weiten Weg ins Tal zurück absteigen. Zudem hatten wir ernste Bedenken den Weg nicht mehr zu finden und uns im Dunkel der Nacht fatal zu verlaufen. Also entschieden wir uns für Plan B. Und der nicht gerade rosiger: Hier und jetzt das Zelt aufbauen und schlafen legen. Um uns herum tobte bereits ein arktischer Schneesturm, irgendwie haben wir es aber geschafft das Zelt aufzubauen, bevor uns die Finger einfroren.

Fernwanderweg

Eiskalte Angelegenheit: Zelten im Schnee

Spätestens jetzt hatte sich die sorgfältige Vorbereitung und die Winter-Ausrichtung unserer Kleidungsstücke und Schlafsachen voll ausgezahlt. Denn unsere Ausrüstung hatten wir auf ungemütliches, kaltes nasses Wetter abgestimmt. Eingekleidet haben wir uns nach dem „Zwiebelprinzip“, möglichst viele Kleidungsschichten halten die Wärme so zusammen. Wie froh war ich, dass neben Merino-Wollunterwäsche noch eine Alu-Notfalldecke im Gepäck war.

Das angesprochene Zwiebelprinzip ist nützlich um Gepäck zu sparen und trotzdem für solch einen Wintereinbruch gewappnet zu sein. Wenn es mal so richtig kalt wird, ist es vor allem wichtig, dass Füße, Hände und Kopf gut verpackt sind, denn hier entweicht die meiste Wärme aus dem Körperkreislauf. Neben Regenjacke und Regenhose haben wir uns also auch noch Mütze, zwei paar Dicke Wollsocken und Handschuhe übergezogen, viel mehr ging in den Schlafsack aber auch nicht mehr rein. An Schlaf war diese Nacht trotzdem nicht zu denken, dafür war es einfach viel zu kalt. Wir haben uns so gut es ging zusammengekauert - und die Nacht irgendwie überdauert.

Outdoor: brecon-beacons zelten im winter

Der nächste Morgen war dann wirklich so richtig übertrieben unangenehm. Diese eisige Kälte lähmt den ganzen Körper. Es bedeutet ein ungeheures Maß an Überwindung das kalte Zelt zu verlassen, nur um im eiskalten Wind eine gelbe Spur in den Sand zu schmelzen. Da mag man noch gar nicht daran denken, dass das Zelt ja auch noch abgebaut werden muss, und das geht leider nicht mit Handschuhen.

 

Im halboffenen Vorzelt haben wir uns erstmal eine Stärkung zubereitet. Eingeweichtes Müsli kurz erwärmt – Pourrage für unterwegs. So eine warme Mahlzeit (wobei die gute Speise nach wenigen Minuten wieder tiefgekühlt war) tut natürlich gut, denn ein voller Magen bringt den Körper in Schwung und beruhigt die Nerven. Diese Stärkung machte jedenfalls ein wenig Mut und den brauchen wir auch ganz dringend. Keiner von uns wagt es anzusprechen, dass es gleich wohl oder übel weiter gehen muss. Gehen – nur wohin eigentlich?

Schneesturm und die Suche nach dem Weg

Spuren im SchneeDas allmorgendliche Wanderschuhschnürungsritual macht mit gefrorenen Schnürsenkeln und verkrampften Fingern auch keine wirklich große Freude. Als das Zelt dann schließlich abgebaut ist, und wir alles mit kalter Müh' und eisiger Not in unseren Rucksäcken verstaut haben geht’s los.

Eine grobe Orientierung haben wir dank Kompass und Karte. Unser Weg führt uns mehrere Kilometer geradlinig an einer Felskante entlang, zu unserer rechten geht es steil den Berg hinab, wie tief ist schwer zu sagen, Wolken und Nebel verdecken die Sicht – wie auch sonst überall um uns herum. Entlang der Kante ist es zwar relativ einfach die Richtung beizubehalten. Von unten jedoch tobt der Sturm uns hier direkt entgegen. Wendet man das Gesicht gegen den Wind, wird die klirrende kälte schnell unerträglich. Immer wieder drücken uns plötzliche kräftige Böhen von der Felskante weg. Das gastige Heulen und Pfeiffen des Windes kennt keine Pausen. Wir fühlen uns abgetrennt von der Außenwelt.

Ich finde keine Worte, um das Geschehene zu beschreiben. Was hier in uns und um uns herum vorging, kann niemand nachvollziehen, der es nicht selbst erlebt hat. Zu sagen, es käme einem Besuch in der eiszeitlichen Hölle nahe, wäre nicht fair. Diesen Namen hat jene wunderbare weiße Welt nicht verdient. Denn obgleich wir die Schöhnheit der eingeschneiten Pflanzen und mit Eisformationen verzierten Felsen nur mit kalten Blicken genießen konnten, diese verwandelte Zauberwelt konnte unseren Geist doch vor dem erfrieren retten.

Dort, wo der Wind den Schnee weg gefegt hat, finden wir beruhigenderweise immer wieder eingefrorene Fußspuren die uns Richtung und Weg bestätigen. Doch so wie es kommen musste sind wir irgendwann dann doch vom rechten „Weg“ abgekommen. Wir entscheiden uns immer abwärts zu steigen und mit den Bächen so ins Tal und schließlich zurück in menschliche Lebensumfelder zu gelangen. Im dichten Nebel erblicken wir vor uns plötzlich einen hohen Steinturm – von Menschen aufgeschichtet, keine Zweifel. Für einen Moment freuen wir uns, wir sind nicht die ersten Menschen die diesen Ort besuchen.

Ein paar Meter weiter liegt das zerfallene Wrack eines alten Flugzeugs, eine Infotafel verrät uns, dass es sich hier um eine amerikanische Maschine handelt, die im 2. Weltkrieg an den Bergketten zerschellt ist. Wir halten einen Moment inne, und mit neuem Mut frischer Hoffnung geht’s weiter das Tal hinab.

Weiße Zauberwelt - Pflanzen und Steine haben sich verwandelt.
Schließlich verlassen wir die dichte Wolkenschicht. Wir sehen wieder, was eigentlich um uns herum ist. Dort am schneebedeckten Hang „grasen“ sogar einige Schafe, die sich nur unscheinbar vom weiß ihrer Umwelt abheben. Es fühlte sich an, wie der Eintritt in eine neue Welt - wie der Übergang von einem Traum in einen völlig anderen. Eben noch garstiges Heulen und eisiges Pfeifen und auf einmal die friedliche Ruhe einer eingeschneiten Winterlandschaft, die uns mit wie mit einladender Geborgenheit umgab. Frühestens jetzt wurde uns erst bewusst, was wir soeben erlebt hatten.

Einem kleinen Wanderweg am Bach entlang folgen wir weiter ins Tal. Eingefrorene Wasserfälle und freistehende mit Schnee bedeckte Bäume erzählen ein Märchen von der winterlichen Pracht hier in den Bergen. Doch wir müssen weiter. Die Wintersonne nähert sich schon dem Horizont, es ist kalt und ein Großteil unserer Ausrüstung ist durchnässt.

Walisische Gastfreundschaft

Mit einem Förster fahren wir noch einige Meilen bis in den nächsten kleinen Ort. Unser Zelt und auch die Schlafsäcke sind immer noch durchnässt und wir erhoffen uns ein geschütztes Nachtquartier – was genau das nun sein mag ist uns dabei ziemlich gleichgültig. Wir laufen einige Schritte in den Ort hinein, und da haben wir auch schon etwas brauchbares gefunden. Vor einem Haus steht ein Pferdeanhänger, der uns nach den Erfahrungen der letzten Nacht warm anlächelt. Wir klingeln – leider keiner zuhaus. Ein paar Häuser weiter steht ein Wohnwagen vor dem Haus der ebenfalls unbewohnt scheint. Doch die Besitzerin möchte uns nicht rein lassen.

Aber so schnell geben wir nicht auf! Eigentlich haben wir auch gar keine Alternative. Denn auch wenn wir nicht mehr hoch oben in den Bergen sind, der Schneefall sich mitlerweile eingestellt hat und einige geschützte Tannenwälder in der Nähe liegen - in nassen Kleindungstücken und Schlafsäcken, wäre die Nacht mit Sicherheit nicht angenehmer als die letzte.

Wir klingeln am nächsten Haus, schildern unsere abenteuerliche Geschichte und fragen höflich, ob wir für eine Nacht in der Garage schlafen könnten. Und nun geschah etwas absolut unglaubliches.

Zu Gast: Ein Kamin und die beheizte Stube, in der wir unsere Sachen zum trocknen aufhängen dürfen.
Denn wer hätte vermutet, dass wir schon eine knappe Stunde später am Küchentisch versammelt eine warme Mahlzeit genießen während im Kamin das Feuer lohdert? Und das, nachdem wir bereits beide in den unbeschreiblich schönen Genuss einer heißen Badewanne eintauchen durften? Während dessen trocknen Zelt und Schlafsack, im ordentlichen Wohnzimmer vor dem Kamin über einen Wäscheständer ausgebreitet. Nicht lang ist es her, da hätten wir nicht einmal den Gedanken gewagt, die Nacht in einem beheizten Zimmer mit gemütlichem Bette zu verbringen?

 

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Jan Temmel

Jan Temmel

Mediengestalter, Fotoartist & Blogger

Aufgewachsen in einem System, in dem Wir Menschen mit schockierender Rücksichtslosigkeit die Ausbeutung von Mutter Erde forcieren.
Aufgewacht in einer Welt, die ist, zu was Wir sie machen. Deshalb suche ich neue Wege! Und deshalb schreibe ich diesen Blog!

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37 Kommentare

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